{ 27. April 2009 }

Die Bombardierung Nordhausens am 3. und 4. April 1945

Am 3. und 4. April 1945 wurde die Stadt Nordhausen von britischen Flugzeugen bombardiert. Bei den Luftangriffen starben etwa 8 800 Menschen, weite Teile der Stadt lagen in Schutt und Asche. Nordhausen gehörte damit zu den deutschen Städten, die durch alliierte Luftangriffe am stärksten zerstört wurden. Jedes Jahr am 3. April versammeln sich Vertreter der Stadt Nordhausen sowie Bürgerinnen und Bürger der Stadt vor dem Rathaus, um an die Opfer der britischen Bombenangriffe und die Zerstörung der Stadt zu erinnern.

Die Rechtsextremen initiieren eigene „Feierstunden“ und missbrauchen so den Jahrestag der Luftangriffe für die Propagierung ihres revisionistischen Geschichtsbildes. Damit versuchen sie, ein Geschichtsbild für sich zu vereinnahmen, das sich einseitig auf die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges konzentriert und auf große Resonanz in der deutschen Öffentlichkeit stößt. Emotional aufgeladene Erinnerungsberichte deutscher Zivilisten, in denen die leidvollen Erfahrungen während der Bombardierungen geschildert werden und die zum 60. Jahrestag der alliierten Luftangriffe Hochkonjunktur hatten, legen den Schluss nahe, die Deutschen hätten letztlich genauso unter „Hitlers Krieg“ gelitten wie die Opfer der Nationalsozialisten selbst. Die breite Zustimmung, die diese Sichtweise findet, erklärt sich auch damit, dass auf diese Weise die Frage nach der individuellen Verantwortung der Deutschen für die NS-Verbrechen weitgehend ausgeblendet wird. Durch die einseitige Betonung des Leides der Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg wird zudem der Eindruck erweckt, die deutsche Schuld an den nationalsozialistischen Verbrechen sei weitestgehend „abgearbeitet“.

Die Bombardierung Nordhausens am 3. und 4. April

Diese Konsensverschiebung macht sich die NPD zunutze, wenn sie an die „Opfer des alliierten Bombenterrors“ erinnert. Vollständig ausgeklammert wird dabei der historische Kontext, in den die alliierten Luftangriffe einzuordnen sind. Das nationalsozialistische Deutschland hatte den Zweiten Weltkrieg als Angriffskrieg mit dem Ziel der rassistischen Neuordnung Europas begonnen und noch 1943/44 glaubten viele Deutsche der NS-Proaganda, die zum „Totalen Krieg“ aufrief und den „Endsieg“ durch „Wunderwaffen“ versprach. Die Fokussierung auf das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung lässt den alliierten Luftkrieg als blindwütigen Rachefeldzug gegen wehrlose Deutsche erscheinen, nicht aber als militärische Reaktion mit strategischen Zielsetzungen. Die Luftangriffe auf Nordhausen waren gegen die unterirdische V-Waffen Produktion im Kohnstein und das Schienennetz gerichtet. Dies belegen die in den National Archives in Washington verwahrten Interpretation Reports der amerikanischen Luftaufklärung, in denen die Anzahl der täglich per Bahn abtransportierten Raketen dokumentiert und das Schienennetz auf den Luftaufnahmen als strategisch wichtiges Ziel markiert ist.

Aus heutiger Sicht erscheinen die Luftangriffe sinnlos, da der deutsche Raketeneinsatz zum Zeitpunkt der Bombardierung bereits eingestellt worden war. Schon eine Woche später drangen amerikanische Truppen nach Nordhausen vor und befreiten das KZ Mittelbau-Dora sowie das im Stadtgebiet gelegene KZ-Außenlager in der Boelcke-Kaserne. Die strategische Planung der Alliierten war jedoch langfristig angelegt und die einmal in Gang gesetzte Kriegsmaschinerie hatte sich nicht so schnell stoppen lassen. Hierin liegt die eigentliche Tragik der Luftangriffe auf Nordhausen vom April 1945.
Bis heute wird von manchen Südharzern vereinzelt der Standpunkt vertreten, die KZ-Häftlinge in der Boelcke-Kaserne seien durch die britischen Luftangriffe zu Tode gekommen. Von der DDR-Publizistik waren die Bombardierungen kurzerhand in angloamerikanische oder sogar rein amerikanische Luftangriffe umgemünzt worden. DDR-Historiker hatten dabei mit antiamerikanischer Stoßrichtung den Schluss nahegelegt, die Amerikaner seien für das Massensterben der KZ-Häftlinge in der Boelcke-Kaserne mitverantwortlich.

Die Bombardierung Nordhausens am 3. und 4. April

Sicherlich fielen den britischen Luftangriffen auch KZ-Häftlinge zum Opfer – Schutzräume standen für sie im Gegensatz zu den Wachmannschaften nicht bereit, und die Unterkünfte in dem KZ-Kranken- und Sterbelager waren nicht mit roten Kreuzen markiert. Die Mehrheit der KZ-Insassen in der Boelcke-Kaserne starb jedoch nicht durch die Luftangriffe, sondern an den Folgen von Hunger und Entkräftung. Dies belegen die während der Befreiung von den Amerikanern angefertigten Dokumentaraufnahmen von Leichen der KZ-Häftlinge, die nur noch aus Haut und Knochen bestanden und keinerlei erkennbare äußere Verletzungen aufwiesen.

Die Luftangriffe am 3./4. April 1945 haben ohne Zweifel viel Leid für die Nordhäuser Bevölkerung gebracht. Das öffentliche Gedenken an diesen Tagen ist daher wichtig und notwendig. Teil dieses Gedenkens muss es sein, deutlich Ursachen von Folgen zu trennen. Hätte das nationalsozialistische Deutschland nicht 1939 mit dem Überfall auf Polen einen Raub- und Vernichtungskrieg begonnen, der historisch ohne Vorbild ist, wäre nie eine deutsche Stadt von alliierten Bombern angegriffen worden. Und hätten sich am Rande der Stadt nicht das KZ Mittelbau-Dora und das dazugehörige Raketenwerk im Kohnstein befunden, wäre Nordhausen wohl auch heute noch eine vielbesuchte Fachwerkstadt. Auch müssten nicht viele Nordhäuser um ihre umgekommenen Angehörigen trauern – ebenso wenig wie die Familien der 20.000 Opfer des KZ Mittelbau-Dora.

von Regine Heubaum

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