Antisemitismus – Heute
Antisemitismus ist schwer zu definieren und der Vorwurf, dass viel zu viel als antisemitisch benannt wird, kann nicht selten als Versuch gewertet werden, das Problem zu verdrängen. Was ist also Antisemitismus? – Denn, wenn vieles nicht mehr Antisemitismus sein soll, in Deutschland, dann hätten die Deutschen doch aus der Geschichte gelernt!?
Antisemitismus!?
- Wenn in Diskussionen immer wieder Vergleiche von Aktionen des Staates Israel mit den Gräueltaten des NS-Deutschland vorgenommen werden und solche Vergleiche tendenziell oder eindeutig immer darauf abzielen, die Opfer von einst zu den Tätern von heute zu machen,
- wenn Jüdinnen und Juden im heutigen Deutschland für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden oder Kritik an Israel sich in eine generelle Kritik an Jüdinnen und Juden in anderen Ländern wandelt,
- wenn das Vorurteil verbreitet wird, die „jüdische Lobby“ bestimme die US-Politik und habe etwa die USA in den Krieg gegen den Irak getrieben,
- wenn entweder die Shoah: die Vernichtung von sechs Millionen Menschen geleugnet oder relativiert wird und/oder das Vorurteil verbreitet wird, „die Juden“ nutzten die Erinnerung an die Shoah für ihren eigenen Vorteil aus,
… dann sprechen wir von Antisemitismus oder antisemitischen Tendenzen. Die eben aufgezählten Beispiele sind nur einige Definitionsmerkmale, die Forscher des Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin benennen.
Wie brisant und aktuell das Thema ist, zeigte zuletzt sehr eindrucksvoll die medial aufbereiteten Diskussionen zum Thema „Israels Einmarsch in Palästina“ oder anders ausgedrückt „Israels Abwehrkampf (Verteidigung) gegen die ständigen von palästinensischem Boden ausgehenden Angriffe“. Solche Diskussionen zeigen immer wieder, dass die Grenze legitimer Israelkritik zu Antisemitismus fließend ist. Drei Kriterien helfen zu erkennen, wo die Grenze überschritten wird:
- Wird Israel dämonisiert und als etwas grundsätzlich Böses dargestellt,
- Wird Israel das Existenzrecht abgesprochen, also gefordert, dass es Israel nicht geben sollte,
- Wird an Israel ein anderer moralisch-politischer Maßstab als an den Rest der Welt angelegt, dass zum Beispiel „gerade der Staat der Opfer des Holocaust nicht selber zum „Täter“ werden dürfe und deshalb nicht polizeilich und militärisch gegen Terror vorgehen dürfe“,
… so können wir klar von einer antisemitischen Kritik an Israel ausgehen. Doch nicht nur an dem Thema Israel zeigt sich der heutige Antisemitismus.
Der heutige Antisemitismus …
… hat viele Gesichter und hat sich stark gewandelt. Zu den alten Facetten kommen neue hinzu und beeinflussen den Alltag. Es gibt Orte, da treffen wir ihn ganz offen an, aber meistens ist der Antisemitismus versteckt, er funktioniert heute meist per Codes, Andeutungen und Chiffren. Es gibt nur wenige (Beispiel: Horst Mahler) die heutzutage ihren Hass auf Juden und das Judentum laut kundtun. Viele tun es nicht, weil sie Strafverfolgung fürchten und zu befürchten haben. Wieder andere sind froh, wenn Menschen des öffentlichen Lebens die Tabus brechen (Beispiel: Möllemann, Hohmann) und Kritik an Israel zur Abwertung von Juden und Judentum instrumentalisieren. Nicht alles ist Antisemitismus, aber mehr als man gemeinhin denkt. Sprache, Kontext und Person machen ihn aus, ebenso wenn Jüdinnen und Juden nur über das Thema, als Opfer, wahrgenommen werden. Es kommt häufig auf die scheinbaren Kleinigkeiten an, denn auch hier macht der Ton die Musik.
Mittlerweile neigt man dazu, angesichts der Shoah, den Antisemitismus zu verdrängen oder bewusst zu ignorieren. Sehr oft geht damit der laute Ruf nach dem angeblich befreienden Schlussstrich und einer neuen Zeit einher.
… gibt Anzeichen dafür, dass er in die Mitte der Gesellschaft sickert.
Ein Viertel der Deutschen stünden „für eine mentale Kombination von Law-and-Order-Aggression gegen Außenseiter, für Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“, schreibt der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer. Laut seiner Studie zufolge ärgern sich fast 70 Prozent der Bevölkerung darüber, dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden. Eine solche „Erinnerungsabwehr“ oder „Entschuldung“ hat immer antisemitische Tendenzen, denn durch die Verweigerung des Gedenkens wird den Opfern der Shoah ihr letztes Recht auf Erinnerung genommen, sowie die Gefühle der Nachkommen der jüdischen Opfer verletzt. Die Sehnsucht, nach „Entschuldung“ von der Last der deutschen Geschichte, ist mittlerweile tief in der politischen Mitte der Gesellschaft angekommen, deshalb kommt Heitmeyer zu dem Ergebnis: „Die Entschuldung ist somit nicht mehr nur ein Topos der extremen Rechten. Der Entschuldungsdiskurs hat in allen politischen Schattierungen der deutschen Gesellschaft Fuß gefasst und kann die potenzielle Basis eines neuen, ,unverkrampften‹ Antisemitismus bilden, weil man die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wähnt.“
Die Zahl der Hetzbriefe gegen jüdische Gemeinden, ihre Repräsentanten und prominente Juden ist seit der Jahrtausendwende massiv gestiegen, berichtet das Bundesamt für Verfassungsschutz – und zwar je nach Grad der öffentlichen Diskussion auch mit offener Namensnennung. 2004 beklagte sich der damalige Zentralratspräsident Spiegel, die Hemmschwellen bei antisemitischen Äußerungen würden immer niedriger und Antisemitismus salonfähig: „Der Antisemitismus ist nicht mehr länger eine Problem der ,Schmuddelecken‹, sondern findet sich sogar in den Kreisen der Eliten.“ Der Münchner Publizist Richard Chaim Schneider formuliert es ähnlich: „Neben neonazistischen Tendenzen ist mittlerweile neokonservatives Gedankengut mit entsprechenden antijüdischen Vorurteilen bis in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft hinein wieder salonfähig geworden.“
… von rechts.
Hat sich der rechte Antisemitismus bis vor kurzem meist getarnt, wie am Wort „Jude“ – welches durch „Zionist“ ersetzt wurde, so scheint er sich in den letzten Jahren immer aggressiver, offener und stärker zu äußern. Der Verfassungsschutzbericht unterstreicht, dass der Antisemitismus „in allen Bereichen des Rechtsextremismus“ eine bedeutende Rolle spielt: also sowohl bei Parteien wie der NPD als auch bei den gewaltbereiten extrem Rechten und neonazistischen „Kameradschaften“. Dabei habe sich ein „Antisemitismus der Andeutungen“ entwickelt, der auf das „antisemitische Einstellungspotenzial in der Bevölkerung“ spekuliere und versuche, „hier Einfluss zu gewinnen“. Das extrem Rechte und antisemitische Weltbild sieht, neben den schon genannten Merkmalen, so aus:
- Der Kapitalismus, die Globalisierung und die USA seien Instrumente eine jüdischen Weltverschwörung.
- Das deutsche Volk sei das Opfer des Zweiten Weltkrieges, denn die Zionisten und Juden hätten Deutschland in den Krieg getrieben und die deutschen Soldaten hätten keinen rassistischen Vernichtungskrieg betrieben. Deshalb sollten Adolf Hitler und die Nationalsozialisten rehabilitiert werden.
- Die heutige „Führungselite“ wolle mit der Erinnerung an die Shoah ein mentales und faktisches „Wiedererstarken Deutschlands“ verhindern und sei somit Teil der jüdischen Weltverschwörung.
- Eine „zionistisch-jüdische Weltverschwörung“ habe als Hauptziel die Weltherrschaft. Dabei wird Deutschland als Hauptfeind ausgemacht, der diese Herrschaft zu verhindern suche. Deutsche würden von Juden, Zionisten und Israelis geknechtet und deshalb befänden sich Deutsche in einem stetigen Abwehrkampf gegen Juden, Zionisten und Israelis. (Wegen der angeblichen Gerissenheit „der Juden“ unterlegen sie aber häufig dabei.)
- Die Shoah habe es nicht gegeben, zumindest nicht in dieser Form. Eine Schuld der damaligen Generation und eine moralische Verpflichtung der nachkommenden und heutigen Generation aus dieser Tat wird abgelehnt.
… von links.
Teile der (radikalen) Linken und auch der globalisierungskritischen Szene Deutschlands haben ein Problem, von dem sie glaubten und hofften es nicht zu haben: ein Problem mit dem Antisemitismus. Der linke Antisemitismus ist noch mehr, als die Judenfeindlichkeit bei der extremen Rechten, durch Chiffren oder Code-Wörter vertuscht.
Eines der Hauptargumente derer, die behaupten, es geben keinen linken Antisemitismus, ist, dass viele Linke jüdischer Abstammung waren. Nach jüdischem Religionsverständnis waren von Leo Trotzki über Rosa Luxemburg bis hin zu Karl Marx alle führenden Sozialisten Juden, also Kinder jüdischer Mütter. Ein weiteres Argument ist, dass (radikale) linke aufgeklärte Menschen dem anti-aufklärerischen Judenhass nicht folgen könnten und berufen sich in der Regel dabei auf den „großen Aufklärer“ Immanuel Kant. Doch schon bei ihm lassen sich Vorurteile finden, so schrieb er etwa: „Es wird nichts daraus kommen, solange die Juden Juden sind, sich beschneiden lassen, werden sie nie in der bürgerlichen Gesellschaft mehr nützlich als schädlich werden. Sie sind die Vampire der Gesellschaft.“ Auch bei Karl Marx, dem eigentlichen „Gründervater“ der linken Idee, finden sich Vorurteile. 1844 veröffentliche Marx eine Schrift „Zur Judenfrage“, die vor Judenhass nur so sprüht: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist ein weltlicher Gott? Das Geld.“ Für Teile der (radikalen) Linken verkörpern, wie für Marx, die Juden den Kapitalismus, den die Juden, nach deren Verständnis, immer wieder erneuerten und den sie so vehement bekämpfen. So ist deren Antisemitismus antikapitalistisch fundiert. Dieser Ansatz der Judenfeindschaft von links ist noch heute virulent. Darüber hinaus lässt sich linker Antisemitismus an weiteren Beispielen charakterisieren:
- In der (radikalen) Linken ist gelegentlich die seltsame Unterscheidung zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital anzutreffen, mitunter durch das aktuellere Vokabular der Globalisierungskritik ersetzt. Die Form des Antisemitismus der Identifikation „der Juden“ mit Geld bzw. mit Kapital und Kapitalismus ist ein altes, schon christlich-antijudaistisches Klischee, welches schon bei Marx auftauchte und bereits von Adorno und Horkheimer analysiert wurde.
- Eine weitere Form geht mit einer vehementen Parteinahme für die palästinensische Seite im Nahost-Konflikt, einer Dämonisierung Israels und einer falsch verstandenen Solidarität mit der „Dritten Welt“, die dortige Fehlentwicklungen verdrängt, einher.
- Rensmann bilanziert die Entwicklung des linken Antisemitismus seit den 70er Jahren, an Adorno geschult, so: „Internationale Konflikte, im besonderen derjenige in Israel und im Nahen Osten, dienen seither immer wieder in der Linken als ideale, hypermoralisch legitimierte, externe Projektionsfläche antisemitischer Vorurteile sowie erinnerungsabwehrender, geschichts-revisionistischer Aggression.“ – Denn besonders seit Beginn der „zweiten Intifada“ verbindet sich eine starke Kritik an Israel und einer „jüdischen Lobby“ (die angeblich Politik und Medien in den USA und Deutschland lenkt) mit einer erinnerungsabwehrenden Haltung. So wird, wie bei der extremen Rechten, die deutsche Schuld-Geschichte entsorgt, Israelis werden schnell zu Nazis, zu den wahren „Tätern“, die, anders als die Deutschen, nichts aus der Geschichte gelernt hätten.
Mein Artikel kann nicht alle Facetten beleuchten und wiedergeben. Doch ist dadurch hoffentlich klar geworden, wie vielschichtig der Antisemitismus vorkommen kann und das er über die bekannten Stereotypen hinaus in der Gesellschaft angekommen ist. Schließen möchte ich mit einem Zitat aus dem 1947 veröffentlichten Buch »Dialektik der Aufklärung«, geschrieben von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, welches ich als sehr treffend für die derzeitige Situation empfinde: „Der Antisemitismus heute gilt den Einen als Schicksalsfrage der Menschheit, den Anderen als bloßer Vorwand.“ .
von Roland Meixelsberger
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