{ 6. März 2009 }

Nazipropaganda an Schulen

Musik war und ist in den letzten Jahren das Einstiegs-Tor in die extreme Rechte und das Rekrutierungsfeld für den Nachwuchs. Die Szene bietet den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Halt und Geborgenheit, aber auch das Gefühl von Überlegenheit und Stärke.

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Mit keinem anderen Mittel ködern die Neonazis heute mehr Jugendliche als mit rechter Musik. Fernab des organisierten Neonazismus hat sich die extreme Rechte kontinuierlich modernisiert. Bestimmend dabei sind die verschiedenen musikorientierten Szenen, die mit ihrem kulturellen und politischen Selbstverständnis die alten verkrusteten Strukturen aufbrechen und verändern. Somit ist eine extrem Rechte Jugendkultur herangewachsen, in der sich alles zentral um Musik dreht – RechtsRock.

RechtsRock

Seit Beginn der 1980er Jahre wurden verschiedene Formen der Unterhaltungsmusik immer mehr als Transportmittel für rechtsextremes und neonazistisches Gedankengut benutzt. Von wenigen Ausnahmen, wie dem Liedermacher Frank Rennicke, abgesehen, fallen darunter Bands, die der Rockmusik zuzuordnen sind, weshalb sich als Oberbegriff »RechtsRock« eingebürgert hat. Im englischen Sprachraum ist hingegen der Begriff »RAC« als Abkürzung für Rock Against Communism gebräuchlicher.

Rechtsrock umfasst eine Fülle von Genres. Er vermittelt rechtsextremes, neonazistisches und rassistisches Gedankengut auf unterschiedliche Art und Weise. Der Kern sind die Texte, die sich oft mit simpler, geradliniger Reimform gegen Staatsorgane, Linke oder Ausländer richten und zum Widerstand gegen diese aufrufen sowie Deutschland und seine NS-Vergangenheit glorifizieren. Daneben spielen manche Rechtsrockbands auch Lieder, die sich um eher allgemeine Themen wie Liebe, Freundschaft und Fußball drehen. Die musikalische Instrumentalisierung reicht von professionell über einfach bis primitiv. Es werden rassistische, antisemitische, nationalistische und pro-nationalsozialistische Texte sowohl zu Hardrock, als auch zu Balladen, Hardcore oder Metal geschrieben. Die Stücke befriedigen einen zumeist jugendkulturellen Geschmack, doch klingen manche Lieder in den Ohren eines durchschnittlichen Hörers eingängig. Das liegt mitunter daran, dass es sich um Coverversionen bekannter Schlagersongs handelt, sie an Kinderlieder oder an bekannte Rockrhythmen angelehnt sind.

Vertrieben wird der Rechtsrock durch szeneeigene Labels, Mailorder, Fanzines und Magazine. Daneben wird er auch direkt bei Konzerten und Partys und über so genannte »Szeneläden« vertrieben.

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Die Schulhof-CD

Rechtsrock wird heute gezielt zur Werbung Jugendlicher für rechtsextreme und neonazistische Ideologien eingesetzt. Seit einigen Jahren veröffentlicht die NPD Musik-CDs die kostenlos verteilt werden. Sie erhofft sich davon, insbesondere junge Menschen ansprechen zu können und sie auf jugendgerechte Weise mit den Inhalten der Partei vertraut zu machen. Mit den Gratis-Musik-CDs hat die Partei ein jugendgerechtes Medium für sich entdeckt, mit dem sie auf sich aufmerksam machen kann. Erfahrungen aus allen Schulformen und an unterschiedlichsten Orten zeigen, dass das Angebot angenommen wird. Entsprechend macht die NPD auch weiter Gebrauch von diesem Medium.

Ein kurzer Abriss

Die Schulhof-CDs, welche vom Spektrum des organisierten Neonazismus veröffentlicht wurden, erreichten die bisher höchsten Auflagen innerhalb der Szene. Am Anfang stand die Multi-Media-CD »Anpassung ist Feigheit. Lieder aus dem Untergrund«, die ein Netzwerk aus über 50 Freien Kameradschaften und RechtsRock-Produzenten finanziert und produziert hat und die vor den Sommerferien 2004 verteilt werden sollte – doch ein Beschlagnahmebeschluss der Staatsanwaltschaft Halle vereitelte das Vorhaben.

Nach den Sommerferien 2004 publizierte die NPD Sachsen im Rahmen ihres Landtagswahlkampfes eine CD mit dem Titel »Schnauze voll? Wahltag ist Zahltag!« mit einer Auflagenhöhe von 30.000 Stück ( Eigenangabe ) und verteilte sie an Jugendliche und junge Erwachsene. Bei den Erst- und Jungwählern kam die CD gut an – 16 % der 18- bis 25-Jährigen und 13,9 % der 25- bis 35-Jährigen wählten am 19. September 2004 die NPD in den sächsischen Landtag.

2005 knüpfte die Partei an das als Erfolg bewertete Konzept an und veröffentlichte während des Bundestagswahlkampfes den Tonträger »Hier kommt der Schrecken aller linken Spießer und Pauker.Schulhof-CD«. 200.000 Stück will die Partei davon hergestellt haben – allerdings darf diese Zahl als viel zu hoch betrachtet werden. 2006 folgte zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern die überarbeitete Fassung der CD mit einer Auflage von 25.000 Stück ( Eigenangabe ).

Der Inhalt

Die »Schulhof-CD« der NPD besteht meist aus vierzehn oder fünfzehn Liedern, bei denen es sich teils um Rockmusik, teils um Balladen handelt, sowie der deutschen Nationalhymne in allen drei Strophen.

Die Texte sind gut verständlich und transportieren die extrem rechten Botschaften der Partei. Der musikalische Stil der Lieder auf den »Schulhof-CDs« variiert. Die ersten Songs sind mehr oder weniger klassische Rock-Songs. Es folgen Protestsongs im Stile von Liedermachern, danach folgt der Übergang zu den ruhigeren, betont stimmungsvollen Balladen. Die abschließende Nationalhymne wird von einem Chor gesungen. Bei den Liedern auf der CD handelt es sich nicht um exklusiv für die NPD neu eingespielte Stücke. Die Songs wurden bereits in den letzten Jahren auf Platten  der  jeweiligen  Bands  oder  auf  themenspezifischen Zusammenstellungen ( Samplern) veröffentlicht.

Offen wirbt ein Comic in allen Begleitheften für die Ziele der NPD: In der Kurzgeschichte wird einem jugendlichen Schulabgänger im Arbeitsamt von zwei Erwachsenen und einer Freundin erklärt, dass an seiner Lage »die Ausländer«, »raffgierige Kapitalisten« und die Globalisierung schuld seien. Eine sympathisch dargestellte Gleichaltrige erklärt ihm  und vor allem dem Leser, dass die NPD «…nicht nur eine Protestpartei…« sei, «…sondern eine Partei mit einem konsequenten Weltbild. Die NPD ist eine wirkliche Alternative, nicht nur eine kleine Schönheitskorrektur«. Mit Verweis auf einen fröhlich dahinziehenden Marsch Jugendlicher mit NPD-Fahnen und Transparenten fügt sie hinzu: «Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, die gemeinsam etwas verändern will!«. Die Rückseite des Begleitheftes ist ein Infogutschein. Mit der zu notierenden eigenen Adresse kann Informationsmaterial bestellt, um Einladung zu einer Veranstaltung gebeten oder der Beitritt zur NPD beziehungsweise zu deren Jugendorganisation erklärt werden.

…und Nordhausen?

Im Juli diesen Jahres kündigte der Thüringer NPD Landesverband an, im September eine landesweite Mitgliederwerbeaktion durchführen zu wollen, zu der auch das Verteilen einer »Schulhof-CD« eingeplant war. In der Pressemitteilung vom 22. 07. 2008 liest sich das so: »Einige Verbände planen im Rahmen der Kampagne auch Schulhof-Aktionen. Schon jetzt soll das beträchtliche Jungwählerpotential auf die NPD immer und immer wieder aufmerksam gemacht werden.«

Der NPD Kreisverband Nordhausen schaffte es in der angekündigten Zeit, einen Info-Stand am 13. September vor der Sparkasse in Salza abzuhalten, eine eigene »Schulhof-CD« wurde bis heute nicht verteilt. Was zum einen an der dünnen Finanzdecke des von Marco Kreutzer geführten Kreisverbandes liegen kann, aber wohl auch an fehlenden passenden Titeln.

Neu wäre an der angekündigten Verteil-Aktion, dass jeder Kreisverband eine eigenständige CD herausbringt, es also keine einheitliche »Thüringen-Schulhof-CD« gibt. Das Projekt als gescheitert zu erklären wäre verfrühter Jubel, denn die NPD begibt sich erst noch in den intensiveren Kommunal- und Landtagswahlkampf. Dort kann mit hoher Wahrscheinlichkeit damit gerechnet werden, dass eine »Schulhof-CD«, eine einheitliche oder viele unterschiedliche, verteilt werden.

Was tun?

Grundsätzlich gilt: Nichts unter den Teppich kehren, sondern das Problem für alle zur Sprache bringen. Seien es rechtsextreme Propagandaaktivitäten, rassistische Beleidigungen oder politisch rechts motivierte Gewalttaten, dies gilt für öffentliche Plätze und Veranstaltungen, als im Speziellen auf dem Schulhof – und vor den Toren der Schulen.

Eine inhaltliche Vorbereitung kann Sicherheit geben, um die eigenen Standpunkte klar und überzeugend zu vermitteln. Denn in der direkten Konfrontation kann man sich leicht unsicher und überfordert fühlen.

Für Eltern und Pädagogen ist es wichtig, sich mit den  Inhalten der CD auseinander zu setzen, um Fragen von Jugendlichen begegnen zu können. Der rechtliche Rahmen wird es zwar teilweise erlauben den Tonträger an Schulen oder in Jugendeinrichtungen einzuziehen, doch Erfahrungswerte der letzten Jahre belegen, dass die CD trotzdem bei Jugendlichen kursieren wird.

In der Öffentlichkeit wird in der Regel davon ausgegangen, dass die »Schulhof-CD« doch nicht legal sein kann. Das Gegenteil ist die Regel: Die meisten Veröffentlichungen dieses Spektrums bewegen sich im Rahmen des gesetzlich Möglichen, da Rechtsanwälte der extremen Rechten vor ihrer Veröffentlichung etwaige Gesetzesverstöße prüfen.

Dem Weltbild der NPD und ihrer nationalistischen und rassistischen Agitation gilt es daher argumentativ entgegenzutreten. Es muss Jugendlichen vermittelt werden, welche extrem rechten Inhalte hinter den Liedern stecken und welches Gesellschaftsbild sie verbreiten. Mit der Handreichung »36 Argumente gegen die NPD-CD« wird eine kurze Analyse der Textinhalte der CD »Der Schrecken aller linken Spießer und Pauker!« angeboten. Sie dokumentiert im Anschluss die Liedtexte und das Begleitheft des Tonträgers. Dadurch kann man sich einen Eindruck von der CD verschaffen und das Material gegebenenfalls für die eigene pädagogische Arbeit verwenden. Abschließend finden sich einige kurze Informationen zu den Interpreten auf der CD.

von Thorsten Platow

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